Situation und Ausgangslage am Straßenstrich auf dem ehemaligen
Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße
Der Straßenstrich in Essen hatte sich im Frühjahr 2004 von der Münchener
Straße, die zum Sperrbezirk wurde, an die Pferdebahn verlagert. Hier
schlossen sich die oben genannten Einrichtung zu einem
Kooperationsprojekt zusammen, um gemeinsam ein Beratungs-, Hilfs-
und Kontaktangebot der aufsuchenden Sozialarbeit für sich
prostituierende Frauen (innerhalb eines festinstallierten
Beratungsbusses) anzubieten.
Im Juni 2008 wurde durch den Rat der Stadt Essen der Umzug des Essener
Straßenstrichs zum ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße
beschlossen. Seit März 2009 ist das Kooperationsprojekt nun hier mit
einem Beratungscontainer zu finden. Am neuen Standort wurden die
Arbeitsbedingungen für die sich prostituierende Frauen verbessert,
da Verrichtungsboxen eingerichtet worden sind. Verrichtungsboxen
sind carportähnliche Bauten, in die die Frauen mit den Freiern
fahren können, um hier zu verrichten. Zum Schutz der Frauen sind die
Boxen mit einem Alarmsystem ausgestattet, den sie in einer
Gefahrensituation auslösen können. Somit wird das Risiko einer
Vergewaltigung oder Körperverletzung minimiert und die Sicherheit
und das Sicherheitsempfinden der sich prostituierenden Frau erhöht.
Etwa zwei Drittel der Frauen, die auf dem Essener Straßenstrich arbeiten,
gehen der gewerbsmäßigen Prostitution nach, ein Drittel sind
drogenabhängige Frauen. Gewalttaten durch Freier wie Vergewaltigung,
Körperverletzung und Freiheitsberaubung gibt es nach wie vor. In den
seltensten Fällen sind die Frauen bereit, diese Straftaten
anzuzeigen, denn sie fürchten, im Rahmen einer solchen Anzeige sich
selbst auch zu belasten. Viele Frauen entwickeln durch sich
wiederholende sexuelle Gewalterfahrungen eine zunehmende
Gewaltakzeptanz, oder die Frauen fühlen sich für diese erlittene
Gewalt selbst verantwortlich. Eine Anzeige der gewalttätigen Freier
findet aus diesen Gründen in seltenen Fällen statt.
Neben der Gefahr, Gewalttaten ausgeliefert zu sein, sind die Frauen
von Infektionen bedroht. Im Rahmen der Prävention von Aids und
sexuell übertragbarer Krankheiten ist die Gefahr einer Ansteckung
bei Vergewaltigung relativ hoch. Bei sexuellen Übergriffen werden
nie Kondome benutzt, und eine Prostituierte wird bei Androhung von
Gewalt eher riskanten sexuellen Handlungen zustimmen.
Kurzbeschreibung der Zielgruppen
a) Ein Teil der Zielgruppe des Angebots im Beratungscontainer auf dem
ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße sind jene Frauen, die
illegale Drogen konsumieren und der Prostitution nachgehen. Häufig
befindet sich diese Zielgruppe in einer desolaten Lebenssituation,
die sowohl von physischen als auch von psychischen Lebenskrisen
gekennzeichnet ist. Angebote, die nicht adäquat auf die Bedürfnisse
der Frauen ausgerichtet sind, werden von den Frauen abgelehnt, denn
drogenabhängige Frauen auf dem Straßenstrich sind aufgrund ihrer
doppelten Diskriminierung für Hilfsangebote besonders schwer zu
erreichen. Drogenberatungsstellen werden von einigen Frauen
gemieden, da sie nicht als „Junkies“ gesehen werden möchten. Aber
auch der Lebensrhythmus einiger Frauen steht häufig einer
Kontaktaufnahme mit dem Hilfesystem entgegen. Ein spezifisches
Angebot vor Ort ist daher notwendig, um die Erreichbarkeit der
Frauen zu gewährleisten.
Häufig befinden sich diese Frauen in einem Teufelskreis: Sie benötigen
einerseits Geld, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren und
andererseits Drogen, um der Prostitution nachgehen zu können.
Unter diesem Druck ist ihre Professionalität (Safer-Sex) oft in
starkem Maße eingeschränkt. Zudem wird die Prostitution zur
Drogenbeschaffung nicht als Prostitution im Sinne einer
Berufstätigkeit verstanden. Die Frauen verdrängen bzw. spalten
Gewalterfahrungen ab. Um die psychische Belastung besser ertragen zu
können, wird bewusst so getan, als ob die Situation nicht so schlimm
sei, die Freier „ganz nett" seien und das Anschaffen Spaß macht.
b) Der andere Teil der Zielgruppe sind die Frauen, die der gewerblichen
Prostitution nachgehen. Bei den Straßenprostituierten handelt es
sich um Frauen,
die ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Prostitution finanzieren
oder
Gelegenheitsprostituierte, (Frauen deren Einkünfte nicht zur Sicherung
des Lebensunterhalts ausreichen)
Sie weisen ein geringes Berufsethos auf, was sich u.a. auch darin zeigt,
dass sie kaum ein Bewusstsein für die gesundheitliche Vorsorge haben
und ihre Tätigkeit zwar zur Existenzsicherung ausüben, sie aber
nicht als ihren Beruf ansehen.
Viele Frauen haben psychische Probleme, die u.a. auf ihre
Lebensgeschichte zurückzuführen sind und sich durch die Tätigkeit
als Prostituierte den damit verbundenen Gewalterfahrungen und der
gesellschaftlichen Ausgrenzung verstärkt bzw. manifestiert haben.
Sie leiden an Essstörungen (Bulimie, Anorexia nervosa), massiven
Angstzuständen, Persönlichkeitsspaltungen und Vereinsamung, weisen
eine Suchtproblematik (Alkohol, Medikamente) auf und sind
suizidgefährdet bzw. haben Suizidversuche unternommen.
Die Frauen müssen ihre Tätigkeit gegenüber ihrer Umwelt geheim halten und
sind dadurch gezwungen, ein Doppelleben zu führen.
Viele leben in der Angst entdeckt zu werden und die
gesellschaftliche Ausgrenzung noch stärker zu erleben. Das hat zur
Folge, dass die Frauen große Hemmschwellen haben, Hilfe in Anspruch
zu nehmen und Ämter und Behörden aufzusuchen.
Ziele des Angebots
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Die sich
prostituierenden Frauen sollen vom Hilfesystem erreicht werden. |
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Betroffene
sollen in weiterführende Hilfsangebote vermittelt werden. |
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Die Mädchen
und Frauen werden in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt. |
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Den
Frauen, die der Prostitution nachgehen, kann
unmittelbar und bedürfnisorientiert Hilfe angeboten werden. |
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Die Kontakte
zu den Frauen, die die sonstigen Angebote des Hilfesystems
meiden, werden durch das Angebot aufrechterhalten. |
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Die Frauen
sollen motiviert werden, Strafanzeige gegen gewalttätige Freier
zu erstatten. |
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Durch die
regelmäßige Präsenz der Hilfeeinrichtungen kann davon
ausgegangen werden, dass sich gewalttätige Übergriffe von
Freiern reduzieren |
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Durch
die zentrale Informationsweitergabe über Safer-Sex und Safer-Use,
Gefahren und gewalttätige Freier sowie der enge Kontakt zu
AnprechpartnerInnen bei der Polizei erhöht sich der Selbstschutz
der Frauen. |
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Die
gegenseitige Solidarität untereinander soll gestärkt werden. |
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Das Angebot
dient als Lobbyfunktion für die Bedürfnisse und Wünsche der
Frauen |
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Die mit
Drogenkonsum verbundenen psychischen, physischen, materiellen
und gesundheitlichen Risiken werden verringert. |
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Die Frauen
sollen zur Wahrnehmung der Beratungs- und Untersuchungsangebote
des Gesundheitsamtes motiviert werden. |
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Ausstiegshilfen sollen vermittelt werden. |
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Der Aufbau
eines Vertrauensverhältnis wird gestärkt; weiterleitende Hilfe
wird dadurch erleichtert und die Hemmschwellen gegenüber
Behörden und Ämtern können abgebaut werden. |
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Durch die
gesundheitliche Für- und Vorsorge im Bezug auf sexuell
übertragbare Krankheiten (einschließlich Aids) soll bei den
Frauen Gesundheitsbewusstsein geschaffen werden. |
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Prävention
von Geschlechtkrankheiten und AIDS durch die Möglichkeit in
einem geschützten Rahmen über unterschiedliche Sexualpraktiken
und den damit verbundenen Risiken zu sprechen und weitere
Informationen über Schutzmöglichkeiten zu geben. |
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Spritzentausch, |
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Kostenlose
Kondomvergabe, Ausgabe von Feuchttüchern, Gleitgel, Schwämmchen
und Monatshygiene |
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Versorgung
der Frauen mit Getränken und Lebensmitteln |
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Betreuung der
Frauen |
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Beratung der
Frauen über das Hilfesystem der Stadt Essen und Ausstiegshilfen,
z.B. Beratung bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten,
Hilfen mit Behörden, |
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Vermittlungsgespräche zur Weiterleitung in andere Einrichtungen
des Hilfesystems |
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Bereitstellung von Informationsmaterial der unterschiedlichen
Hilfeeinrichtungen und sonstiger Institutionen |
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Beratung zu
Safer-use-Praktiken |
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Führen einer
Liste mit Autokennzeichen bzw. Beschreibung von gewalttätigen
Freiern |
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Zusammenarbeit mit der Polizei |
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Krisenintervention |
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Wundversorgung |
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Beratung nach
Übergriffen |
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HiIfestellung
bei Fragen zu Schwangerschaft, Kindererziehung und Vormundschaft |
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Stärkung der
eigenen Person und Standpunktfindung |