Beratungscontainer auf dem ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße

Unter Federführung des Sozialdienstes katholischer Frauen kooperieren seit April 2004 folgende Einrichtungen auf dem Essener Straßenstrich. Zuerst innerhalb des Beratungsbusses auf der Essener Pferdebahnstraße, seit März 2008 gemeinsam auf dem ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße:

  Café Schließfach, SkF
  Bella Donna, Drogenberatung für Frauen und Mädchen
  Fach- und Beratungsstelle Nachtfalter, Caritas
  Suchthilfe direkt Essen GmbH
  Gesundheitsamt Essen

 

Situation und Ausgangslage am Straßenstrich auf dem ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße

Der Straßenstrich in Essen hatte sich im Frühjahr 2004 von der Münchener Straße, die zum Sperrbezirk wurde, an die Pferdebahn verlagert. Hier schlossen sich die oben genannten Einrichtung zu einem Kooperationsprojekt zusammen, um gemeinsam ein Beratungs-, Hilfs- und Kontaktangebot der aufsuchenden Sozialarbeit für sich prostituierende Frauen (innerhalb eines festinstallierten Beratungsbusses) anzubieten.

Im Juni 2008 wurde durch den Rat der Stadt Essen der Umzug des Essener Straßenstrichs zum ehemaligen Kirmesplatz  an der Gladbeckerstraße beschlossen. Seit März 2009 ist das Kooperationsprojekt nun hier mit einem Beratungscontainer zu finden. Am neuen Standort wurden die Arbeitsbedingungen für die sich prostituierende Frauen verbessert, da Verrichtungsboxen eingerichtet worden sind. Verrichtungsboxen sind carportähnliche Bauten, in die die Frauen mit den Freiern fahren können, um hier zu verrichten. Zum Schutz der Frauen sind die Boxen mit einem Alarmsystem ausgestattet, den sie in einer Gefahrensituation auslösen können. Somit wird das Risiko einer Vergewaltigung oder Körperverletzung minimiert und die Sicherheit und das Sicherheitsempfinden der sich prostituierenden Frau erhöht.

Etwa zwei Drittel der Frauen, die auf dem Essener Straßenstrich arbeiten, gehen der gewerbsmäßigen Prostitution nach, ein Drittel sind drogenabhängige Frauen. Gewalttaten durch Freier wie Vergewaltigung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung gibt es nach wie vor. In den seltensten Fällen sind die Frauen bereit, diese Straftaten anzuzeigen, denn sie fürchten, im Rahmen einer solchen Anzeige sich selbst auch zu belasten. Viele Frauen entwickeln durch sich wiederholende sexuelle Gewalterfahrungen eine zunehmende Gewaltakzeptanz, oder die Frauen fühlen sich für diese erlittene Gewalt selbst verantwortlich. Eine Anzeige der gewalttätigen Freier findet aus diesen Gründen in seltenen Fällen statt.
Neben der Gefahr, Gewalttaten ausgeliefert zu sein, sind die Frauen von Infektionen bedroht. Im Rahmen der Prävention von Aids und sexuell übertragbarer Krankheiten ist die Gefahr einer Ansteckung bei Vergewaltigung relativ hoch. Bei sexuellen Übergriffen werden nie Kondome benutzt, und eine Prostituierte wird bei Androhung von Gewalt eher riskanten sexuellen Handlungen zustimmen.

 

Kurzbeschreibung der Zielgruppen

a) Ein Teil der Zielgruppe des Angebots im Beratungscontainer auf dem ehemaligen Kirmesplatz an der Gladbeckerstraße sind jene Frauen, die illegale Drogen konsumieren und der Prostitution nachgehen. Häufig befindet sich diese Zielgruppe in einer desolaten Lebenssituation, die sowohl von physischen als auch von psychischen Lebenskrisen gekennzeichnet ist. Angebote, die nicht adäquat auf die Bedürfnisse der Frauen ausgerichtet sind, werden von den Frauen abgelehnt, denn drogenabhängige Frauen auf dem Straßenstrich sind aufgrund ihrer doppelten Diskriminierung für Hilfsangebote besonders schwer zu erreichen. Drogenberatungsstellen werden von einigen Frauen gemieden, da sie nicht als „Junkies“ gesehen werden möchten. Aber auch der Lebensrhythmus einiger Frauen steht häufig einer Kontaktaufnahme mit dem Hilfesystem entgegen. Ein spezifisches Angebot vor Ort ist daher notwendig, um die Erreichbarkeit der Frauen zu gewährleisten.

Häufig befinden sich diese Frauen in einem Teufelskreis: Sie benötigen einerseits Geld, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren und andererseits Drogen, um der Prostitution nachgehen zu können.
Unter diesem Druck ist ihre Professionalität (Safer-Sex) oft in starkem Maße eingeschränkt. Zudem wird die Prostitution zur Drogenbeschaffung nicht als Prostitution im Sinne einer Berufstätigkeit verstanden. Die Frauen verdrängen bzw. spalten Gewalterfahrungen ab. Um die psychische Belastung besser ertragen zu können, wird bewusst so getan, als ob die Situation nicht so schlimm sei, die Freier „ganz nett" seien und das Anschaffen Spaß macht.

b) Der andere Teil der Zielgruppe sind die Frauen, die der gewerblichen Prostitution nachgehen. Bei den Straßenprostituierten handelt es sich um Frauen,
die ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Prostitution finanzieren oder
Gelegenheitsprostituierte, (Frauen deren Einkünfte nicht zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreichen)

Sie weisen ein geringes Berufsethos auf, was sich u.a. auch darin zeigt, dass sie kaum ein Bewusstsein für die gesundheitliche Vorsorge haben und ihre Tätigkeit zwar zur Existenzsicherung ausüben, sie aber nicht als ihren Beruf ansehen.
Viele Frauen haben psychische Probleme, die u.a. auf ihre Lebensgeschichte zurückzuführen sind und sich durch die Tätigkeit als Prostituierte den damit verbundenen Gewalterfahrungen und der gesellschaftlichen Ausgrenzung verstärkt bzw. manifestiert haben.
Sie leiden an Essstörungen (Bulimie, Anorexia nervosa), massiven Angstzuständen, Persönlichkeitsspaltungen und Vereinsamung, weisen eine Suchtproblematik (Alkohol, Medikamente) auf und sind suizidgefährdet bzw. haben Suizidversuche unternommen.

Die Frauen müssen ihre Tätigkeit gegenüber ihrer Umwelt geheim halten und sind dadurch gezwungen, ein Doppelleben zu führen.
Viele leben in der Angst entdeckt zu werden und die gesellschaftliche Ausgrenzung noch stärker zu erleben. Das hat zur Folge, dass die Frauen große Hemmschwellen haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen und Ämter und Behörden aufzusuchen.

 Ziele des Angebots

  Die sich prostituierenden Frauen sollen vom Hilfesystem erreicht werden.
  Betroffene sollen in weiterführende Hilfsangebote vermittelt werden.
  Die Mädchen und Frauen werden in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt.
  Den Frauen, die der Prostitution nachgehen, kann unmittelbar und bedürfnisorientiert Hilfe angeboten werden.
  Die Kontakte zu den Frauen, die die sonstigen Angebote des Hilfesystems meiden, werden durch das Angebot aufrechterhalten.
  Die Frauen sollen motiviert werden, Strafanzeige gegen gewalttätige Freier zu erstatten.
  Durch die regelmäßige Präsenz der Hilfeeinrichtungen kann davon ausgegangen werden, dass sich gewalttätige Übergriffe von Freiern reduzieren
  Durch die zentrale Informationsweitergabe über Safer-Sex und Safer-Use, Gefahren und gewalttätige Freier sowie der enge Kontakt zu AnprechpartnerInnen bei der Polizei erhöht sich der Selbstschutz der Frauen.
  Die gegenseitige Solidarität untereinander soll gestärkt werden.
  Das Angebot dient als Lobbyfunktion für die Bedürfnisse und Wünsche der Frauen
  Die mit Drogenkonsum verbundenen psychischen, physischen, materiellen und gesundheitlichen Risiken werden verringert.
  Die Frauen sollen zur Wahrnehmung der Beratungs- und Untersuchungsangebote des Gesundheitsamtes motiviert werden.
  Ausstiegshilfen sollen vermittelt werden.
  Der Aufbau eines Vertrauensverhältnis wird gestärkt; weiterleitende Hilfe wird dadurch erleichtert und die Hemmschwellen gegenüber Behörden und Ämtern können abgebaut werden.
  Durch die gesundheitliche Für- und Vorsorge im Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten (einschließlich Aids) soll bei den Frauen Gesundheitsbewusstsein geschaffen werden.

 

Inhaltliche Gestaltung

Der fest installierte Beratungscontainer auf dem Straßenstrich verbessert das Beratungs-, Hilfs- und Kontaktangebot der aufsuchenden Sozialarbeit. Es bietet in der Lebenswelt der Frauen zahlreiche Vorteile:

  Die Sozialarbeiterinnen begeben sich direkt dahin, wohin die Frauen agieren und lassen sich in gewissen Grenzen auf die Gegebenheiten vor Ort ein.
  Die Frauen erleben eine geschützte Atmosphäre, um Gespräche zu führen.
  Sie finden eine Ruhe-, Abschalt- und Aufwärmmöglichkeit in einem von Freiern ungestörten Raum.
  Durch den Beratungscontainer wird ein fester Standort und verbindliche Präsenzzeiten gewährleistet.
  Das Angebot ist ein Ort, an dem die Frauen sich treffen und austauschen, und so die Solidarität untereinander fördern.
  Durch die Kooperation der unterschiedlichen Hilfeeinrichtungen sind zielgerichtete Vermittlungen einfacher und schneller zu verwirklichen.
  Institutionen außerhalb der Suchtkrankenhilfe können Beratungen anbieten (z.B. Polizei, ÄrztInnen usw.)

Angebote

  Prävention von Geschlechtkrankheiten und AIDS durch die Möglichkeit in einem geschützten Rahmen über unterschiedliche Sexualpraktiken und den damit verbundenen Risiken zu sprechen und weitere Informationen über Schutzmöglichkeiten zu geben.
  Spritzentausch,
  Kostenlose Kondomvergabe, Ausgabe von Feuchttüchern, Gleitgel, Schwämmchen und Monatshygiene
  Versorgung der Frauen mit Getränken und Lebensmitteln
  Betreuung der Frauen
  Beratung der Frauen über das Hilfesystem der Stadt Essen und Ausstiegshilfen, z.B. Beratung bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, Hilfen mit Behörden,
  Vermittlungsgespräche zur Weiterleitung in andere Einrichtungen des Hilfesystems
  Bereitstellung von Informationsmaterial der unterschiedlichen Hilfeeinrichtungen und sonstiger Institutionen
  Beratung zu Safer-use-Praktiken
  Führen einer Liste mit Autokennzeichen bzw. Beschreibung von gewalttätigen Freiern
  Zusammenarbeit mit der Polizei
  Krisenintervention
  Wundversorgung
  Beratung nach Übergriffen
  HiIfestellung bei Fragen zu Schwangerschaft, Kindererziehung und Vormundschaft
  Stärkung der eigenen Person und Standpunktfindung